{"id":3592,"date":"2020-05-06T19:48:41","date_gmt":"2020-05-06T17:48:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasroteteam.de\/jusos\/?p=3592"},"modified":"2025-04-30T10:38:00","modified_gmt":"2025-04-30T08:38:00","slug":"der-tag-der-befreiung-als-angebot-zur-versoehnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasroteteam.de\/jusos\/2020\/05\/06\/der-tag-der-befreiung-als-angebot-zur-versoehnung\/","title":{"rendered":"Der Tag der Befreiung als Angebot zur Vers\u00f6hnung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Aktueller Blog von Jannes Tilicke<\/strong><\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich habe den 8. Mai nie mit einer Niederlage in Verbindung gebracht. Als Nachwendekind war die deutsche Teilung als direkte Auswirkung des Zweiten Weltkriegs \u00fcberwunden und Krieg kannte ich allenfalls aus dem Fernsehen. Dann war er aber weit weg im Kosovo, dem Irak, Afghanistan oder Hollywood. Deutsche Kriegserfahrungen kannte ich nur \u00fcber Gespr\u00e4che mit meinen Gro\u00dfvater auch wenn wir im Nachhinein zu wenig dar\u00fcber gesprochen haben.<\/p>\n<p>Das war am 8. Mai 1985 anders als der damalige Bundespr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker meiner Meinung nach die wichtigste Rede im Nachkriegsdeutschland gehalten hat. Unter seinen Zuh\u00f6rer*innen waren viele, die den Krieg noch erlebt hatten. Und die Verb\u00e4nde der Vertriebenen, wo viele aus ihrer Heimat fliehen mussten, waren damals noch eine politische Macht. Von Weizs\u00e4cker sprach deshalb von unterschiedlichen Gef\u00fchlen, die mit diesem Tag verbunden seien. Davon, dass Sieg oder Niederlage diese Gef\u00fchle beeinflussen w\u00fcrden. Aber er sprach auch davon, dass es f\u00fcr die Deutschen kein Tag des Feierns sei k\u00f6nne, weil sie mit dem Krieg so viele Erinnerungen verbunden h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Er wollte jene Wunden nicht wieder aufrei\u00dfen wollte, die als Narben an Bombenn\u00e4chte, Fronterfahrung oder den Verlust von Angeh\u00f6rigen in der Erinnerung zur\u00fcckgeblieben sind. Das macht seine Rede so gro\u00dfartig, weil sie klar antifaschistisch ist und doch denjenigen eine historische Einordnung des 8. Mai gibt, die mit der Niederlage gehadert haben: Von Weizs\u00e4cker sprach von einem \u201eTag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft\u201c. Und er hatte Recht damit.<\/p>\n<p>Wie gro\u00dfartig dieser Schritt war, zeigt sich anekdotenhaft daran, dass zwar schon die Regierung Willy Brandts 1970 den 8. Mai als Tag der Befreiung angegangen war, aber die Unionsfraktion sich der Feier entzog: \u201eNiederlagen feiert man nicht.\u201c Dieses Selbstverst\u00e4ndnis als eine Vertretung derjenigen, die noch mit der deutschen Niederlage zu hadern hatten, konnte nur ein Christdemokrat brechen. Deshalb ist die Rede von Weizs\u00e4ckers f\u00fcr alle Deutschen das Vers\u00f6hnungsangebot, was Willy Brandt f\u00fcnfzehn Jahre zuvor mit dem Kniefall von Warschau f\u00fcr Europa gemacht hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich bleibt dabei die Erkenntnis, dass antifaschistisches Engagement demokratischer Konsens sein muss und nur im demokratischen Konsens stattfinden kann. Die mittlerweile allgemeine Akzeptanz des 8. Mai als ein Tag der Befreiung spiegelt genau diesen Konsens wider. Wer wie Alexander Gauland im Jahr 2020 immer noch von einem \u201eTag der Ambivalenz\u201c oder der \u201eabsoluten Niederlage\u201c spricht, hat von Weizs\u00e4ckers Rede nicht verstanden oder will sie nicht verstehen. Das ist nicht konservativ. Es ist reaktion\u00e4r und will in eine Zeit zur\u00fcck, wo Deutsche den Verlust ihrer Heimat mehr betrauert haben als den Gewinn an demokratischer Freiheit.<\/p>\n<p>Trotzdem sind seit der Rede inzwischen fast genauso viele Jahre ins Land gegangen, wie vom Zeitpunkt der Rede zum 8. Mai 1945. Deutschland hat sich seit Mitte der 80er Jahre sehr ver\u00e4ndert: Die deutsche Teilung ist \u00fcberwunden und wir sind mitten in Europa. Der Systemgegensatz existiert nicht mehr. Viele in meiner Generation sehen sich mindestens so sehr als Europ\u00e4er*innen wie als Deutsche. Es ist der richtige Zeitpunkt die Debatte wieder aufzunehmen und weiter zu diskutieren. \u00a0Manchmal k\u00f6nnen Dinge eben auch erst ausgesprochen werden, wenn genug Zeit vergangen ist.<\/p>\n<p>Ich war der Holocaust-\u00dcberlebenden und Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees Deutschland, Esther Bejarano, deshalb sehr dankbar, dass sie in einem <strong><a href=\"https:\/\/www.change.org\/p\/8-mai-zum-feiertag-machen-was-75-jahre-nach-befreiung-vom-faschismus-getan-werden-muss-tagderbefreiung-bkagvat-bundesrat?use_react=false\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">offenen Brief<\/a><\/strong> an Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel gefordert hat, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum Feiertag zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Der Tag der Befreiung muss in ganz Europa ein Feiertag werden. Von Weizs\u00e4cker hat in seiner Rede bereits die europ\u00e4ische Dimension des 8. Mai ins Gespr\u00e4ch gebracht. Die Europ\u00e4er*innen haben zwar unterschiedliche Erfahrung mit dem Faschismus gemacht, doch sie alle wurden von ihm befreit. Und wer Bejaranos Vorschlag ernst nimmt und den 8. Mai nicht als reine Vergangenheitsbew\u00e4ltigung sieht, findet sicher keinen Grund gegen einen europ\u00e4ischen Feiertag zu sein. Denn ein Feiertag, der sich mit Antifaschismus, Demokratie und Menschenrechten besch\u00e4ftigt, w\u00e4re ein Gewinn alle Menschen in Europa.<\/p>\n<p>In einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wie Frankreich wird der Tag bereits als Feiertag begangen. Als gemeinsamer europ\u00e4ischer Feiertag w\u00fcrde er aber ein identit\u00e4tsstiftendes Angebot sein f\u00fcr all diejenigen sein, die sich auf Grund der Renationalisierung fragen, wof\u00fcr Europa eigentlich noch gebraucht wird. Es ist ein Angebot zur Vers\u00f6hnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aktueller Blog von Jannes Tilicke Ich pers\u00f6nlich habe den 8. Mai nie mit einer Niederlage in Verbindung gebracht. 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