{"id":1419,"date":"2013-08-01T12:13:45","date_gmt":"2013-08-01T10:13:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasroteteam.de\/jusos\/?p=1419"},"modified":"2013-08-05T17:11:35","modified_gmt":"2013-08-05T15:11:35","slug":"kollektives-vergessen-statt-erinnern-wenn-geschichte-zum-marketing-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasroteteam.de\/jusos\/2013\/08\/01\/kollektives-vergessen-statt-erinnern-wenn-geschichte-zum-marketing-wird\/","title":{"rendered":"Kollektives Vergessen statt Erinnern \u00e2\u20ac\u201c Wenn Geschichte zum Marketing wird"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Einwurf von Jannes Tilicke und Micha Heitkamp<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/www.dasroteteam.de\/jusos\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/aktuellereinwurf.jpg\" rel=\"lightbox[1419]\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-1549\" alt=\"aktuellereinwurf\" src=\"https:\/\/www.dasroteteam.de\/jusos\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/aktuellereinwurf.jpg\" width=\"540\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/www.dasroteteam.de\/jusos\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/aktuellereinwurf.jpg 900w, https:\/\/www.dasroteteam.de\/jusos\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/aktuellereinwurf-300x173.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es gibt kaum eine M\u00c3\u00b6glichkeit, Geschichte besser zu vermitteln als sie selbst zu erleben. Genau das werden sich auch die Veranstalter der Minden Marketing gedacht haben. F\u00c3\u00bcr den 7. und 8. September sind in Porta Westfalica Geschichtstage unter dem Motto \u00e2\u20ac\u017eVon Wilhelm zu Widukind &#8211; 1000 Jahre Geschichte zu Fu\u00c3\u0178\u00e2\u20ac\u0153 geplant. Vom Kaiser-Wilhelm-Denkmal aus \u00c3\u00bcber den Kamm des Wiehengebirges sollen G\u00c3\u00a4ste dann Geschichte hautnah erleben k\u00c3\u00b6nnen: R\u00c3\u00b6mische Patrouillen, germanische Krieger, S\u00c3\u00b6ldner aus dem 30-j\u00c3\u00a4hrigen Krieg, Heinrich der II. soll mit seiner Gattin Kunigunde Minden wieder das M\u00c3\u00bcnzrecht erteilen und nat\u00c3\u00bcrlich darf Kaiser Wilhelm II. nicht fehlen, der wieder das Denkmal seines Gro\u00c3\u0178vaters einweihen darf. Dazu gibt es ein Kinder-Mitmach-Programm, Musik und mit Sicherheit Bratwurst und Bier. Klingt nach zwei sch\u00c3\u00b6nen Tagen: Kinder und Erwachsene lernen, wie R\u00c3\u00b6mer und Wilhelm II. ausgesehen haben, die heimischen Unternehmen machen ihren Umsatz, alle freuen sich \u00c3\u00bcber die aufregende Stadtgeschichte Porta Westfalicas. Aber was ist das f\u00c3\u00bcr ein Geschichtsbild, das hier vermittelt wird?<\/p>\n<p>Geschichte zu vermitteln ist f\u00c3\u00bcr eine Gesellschaft etwas elementares. Ein kollektives Ged\u00c3\u00a4chtnis nennt sich so etwas. Allerdings geht es bei dem kollektiven Erinnern um etwas anderes als Marketing-Feste mit verkleideten Schauspielerinnen und Schauspielern. Worin soll die historische Erkenntnis liegen, wenn man wei\u00c3\u0178, wie Wilhelm II. ausgesehen hat? Zu dieser Person sollten einem eigentlich andere Dinge einfallen: Unterdr\u00c3\u00bcckung demokratischer Bewegungen, nationalistischer Gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178enwahn, deutsche Kolonialpolitik und vor allem die Hauptverantwortung f\u00c3\u00bcr den 1. Weltkrieg. Also wirklich keine Person, auf deren Besuch einer Region man etwa hundert Jahre sp\u00c3\u00a4ter stolz sein k\u00c3\u00b6nnte.<\/p>\n<p>Sieht man in dem Denkmal Kaiser Wilhelms I. in Porta Westfalica nur ein Denkmal einer historisch bedeutenden Pers\u00c3\u00b6nlichkeit und ist sogar noch stolz darauf, dass zu der Einweihung eine historisch noch bedeutendere Pers\u00c3\u00b6nlichkeit angereiste \u00e2\u20ac\u201c und sei diese historisch noch so unakzeptabel \u00e2\u20ac\u201c kommt man bei einer sehr oberfl\u00c3\u00a4chlichen Geschichtsbetrachtung an und verdr\u00c3\u00a4ngt sogar einiges. Geschichte wird zum Selbstzweck, wo Geschichte doch den wunderbaren Sinn verfolgt, aus \u00e2\u20ac\u017eden Fehlern der Vergangenheit zu lernen.\u00e2\u20ac\u0153<\/p>\n<p>Dazu m\u00c3\u00bcssten die gro\u00c3\u0178en Leitlinien der Geschichte klar werden, die dazu dienen historische Fragen zu beantworten. Warum gibt es zwei gro\u00c3\u0178e christliche Konfessionen in Deutschland? Woher kam der Antisemitismus? Warum gibt es in Deutschland keinen K\u00c3\u00b6nig? Warum gab es zwei Weltkriege? Wozu gibt es ein Grundgesetz? Und warum haben wir in Deutschland Migranten? All diese Fragen eint, dass sie dabei helfen, zu verstehen, warum unsere Gesellschaft ist, wie sie ist. Sie helfen in der politischen Bildung und schlie\u00c3\u0178lich schaffen sie als h\u00c3\u00b6heres Ziel, den aufgekl\u00c3\u00a4rten Menschen, der \u00e2\u20ac\u017efrei ist, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen\u00e2\u20ac\u0153. Am Ende laufen sie alle auf die gleiche Frage hinaus: Wie k\u00c3\u00b6nnen wir verhindern, dass es ein zweites Auschwitz gibt? SchauspielerInnen k\u00c3\u00b6nnen so etwas nicht leisten.<\/p>\n<p>Als vor zwei Monaten in Minden die Veranstaltung \u00e2\u20ac\u017eMindener Zeitinseln\u00e2\u20ac\u0153 stattfand, war das besonders gut zu erkennen. Da standen Soldaten der US-Armee neben R\u00c3\u00b6mern und \u00e2\u20ac\u017eSteinzeit Mindenern\u00e2\u20ac\u0153. Sogar eine Delegation von DarstellerInnen eines mittelalterlichen Japans konnte bestaunt werden. Verbindungen wurden nat\u00c3\u00bcrlich nicht gezogen, was bei einem Konzept, das Geschichtsepochen als abgeschlossene R\u00c3\u00a4ume betrachtet auch gar nicht m\u00c3\u00b6glich ist. Doch auch mit der Aufkl\u00c3\u00a4rung war es nicht weit, wie J\u00c3\u00b6rg-Friedrich Sander, Gesch\u00c3\u00a4ftsf\u00c3\u00bchrer der Minden Marketing, auch offen im <a href=\"(http:\/\/www.mt-online.de\/lokales\/minden\/8724517_Dr._Joerg-Friedrich_Sander_Geschaeftsfuehrer_der_Minden_Marketing_zu_den_Zeitinseln.html\" target=\"_blank\">Mindener Tageblatt <\/a>zugibt: \u00e2\u20ac\u017eDie Mindener Zeitinseln sind ein Baustein des EU-Tourismusprojektes &#8222;Geschichte neu erleben in NRW&#8220;, mit dem wir den touristischen Fokus auf Minden lenken und insbesondere Tagestouristen nach Minden holen m\u00c3\u00b6chten.\u00e2\u20ac\u0153 Das Ziel war also ein Vermarktung der Geschichte, um sie leichter verdaulich zu machen und schlie\u00c3\u0178lich ein gro\u00c3\u0178es Publikum nach Minden zu locken. Das eigentlich Interessante, das Verstehen, blieb dabei auf der Strecke.<\/p>\n<p>Dass gerade an Orten wie dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal schnell die Geschichte vergessen wird, zeigt ein anderes Beispiel: Vor wenigen Wochen erst besuchte der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete Steffen Kampeter das Denkmal zusammen mit dem Nachfahren des letzten deutschen Kaisers. W\u00c3\u00a4hrend Kampeter ins Wahlkampf-Horn blies und die Landesregierung attackierte, berichtete dieser im <a href=\"http:\/\/www.mt-online.de\/start\/top_news_rotation_item\/8894229_porta_westfalica_blaues_blut_am_kaiser_wilhelm_denkmal.html\" target=\"_blank\">Interview mit dem Mindener Tageblatt <\/a>\u00c2\u00a0\u00c3\u00bcber den Stolz auf seine Vorfahren. \u00c3\u2013ffentliche Verwunderung oder gar Kritik blieben aus.<\/p>\n<p>Ein wenig erinnert das Geschichtsfest in Porta an die Feiern im Jahre 2009 zum 250. Jahrestag der \u00e2\u20ac\u017eSchlacht bei Minden\u00e2\u20ac\u0153, als die Lokalpatrioten die Bedeutung Mindens in der Weltgeschichte feiern durften. Damals inklusive: Eine peinliche Werbeposse von Steffen Kampeter und Guido Westerwelle und \u00e2\u20ac\u201c zur besseren Erlebbarkeit der Geschichte \u00e2\u20ac\u201c verkleidete SchauspielerInnen. Ob in den nachgespielten Kriegsszenen deutlich wurde, wie grausam eine Schlacht mit fast 5000 Todesopfern und 6000 Verwundeten ist, kann getrost bezweifelt werden.<\/p>\n<p>Einen wichtigen Unterschied gibt es aber zwischen einem Fest f\u00c3\u00bcr die Schlacht bei Minden und Feierlichkeiten f\u00c3\u00bcr 1000 Jahre Geschichte in Porta Westfalica: In Porta soll die Geschichte noch weit \u00c3\u00bcber die angek\u00c3\u00bcndigten 1000 Jahre hinausgehen, der Blick soll bis zur\u00c3\u00bcck in die Steinzeit geworfen werden. Allerdings wird ein Teil der Geschichte wohl kaum beim Fest auftauchen: Das KZ-Au\u00c3\u0178enlager Porta Westfalica. Direkt am Fu\u00c3\u0178e des Denkmals, im Hotel Kaiserhof, waren von\u00c2\u00a0 M\u00c3\u00a4rz 1944 bis April 1945 etwa 1500 H\u00c3\u00a4ftlinge untergebracht. Porta Westfalica war also auch ein Ort von <a href=\"http:\/\/www.mt-online.de\/lokales\/minden\/4301843_Die_Leiden_des_jungen_J%C3%B8rgen_Kieler_im_KZ_Porta.html\" target=\"_blank\">nationalsozialistischen Folterungen und Hinrichtungen<\/a>. \u00c2\u00a0Die Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte hat sehr lange auf sich warten lassen und wird auch heute mehr von Einzelpersonen als von der \u00c3\u2013ffentlichkeit betrieben.<\/p>\n<p>So etwas ist kein Einzelfall. Auch wenn man im Alltag immer wieder Aussagen wie \u00e2\u20ac\u017eWir haben uns jetzt auch genug mit dem Nationalsozialismus besch\u00c3\u00a4ftigt\u00e2\u20ac\u0153 oder \u00e2\u20ac\u017eWir Deutschen waren doch jetzt lange genug die Schuldigen, das muss doch jetzt mal genug sein\u00e2\u20ac\u0153, h\u00c3\u00b6rt, scheint es in unserer Gesellschaft bis heute Probleme zu geben, sich wirklich mit der Geschichte zu besch\u00c3\u00a4ftigen. In jedem Dorf entstanden kurz nach Kriegsende Gedenktafeln f\u00c3\u00bcr die gefallenen deutschen Soldaten. Bis in Deutschland endlich ein zentrales und politisch bedeutsames Mahnmal zum Gedenken der Holocaust-Opfer gebaut werden konnte, mussten 60 Jahre vergehen. In unserer Gesellschaft passiert also bis heute das genaue Gegenteil von kollektivem Erinnern, n\u00c3\u00a4mlich kollektives Vergessen. Es muss die Aufgabe der gesamten Gesellschaft sein, sich zu erinnern und die Verdr\u00c3\u00a4ngung zu \u00c3\u00bcberwinden. Gelingt uns das nicht, l\u00c3\u00a4sst sich auch nicht ausschlie\u00c3\u0178en, dass so etwas wie der Holocaust, ein in der Weltgeschichte einmaliges Verbrechen, nochmal passiert. Sehr gut formuliert findet man das in einem sehr lesenswerten Vortrag des katholischen Theologen Reinhold Boschki von 2005, der eine \u00e2\u20ac\u017e<a href=\"http:\/\/www.relpaed.uni-bonn.de\/mitarbeiterinnen-und-mitarbeiter\/prof.-dr.-reinhold-boschki\/download-pdfs\/boschki-2005-anamnetische-kultur\" target=\"_blank\">anamnetische Kultur<\/a>\u00e2\u20ac\u0153, also eine Kultur des Erinnerns, fordert.<\/p>\n<p>Die Veranstalter von Minden Marketing wollen ganz bestimmt das Gegenteil von Geschichtsverdr\u00c3\u00a4ngung, wenn sie die Geschichte Portas als buntes Volksfest organisieren, bei dem eine Delegation KZ-H\u00c3\u00a4ftlings-DarstellerInnen wohl st\u00c3\u00b6ren w\u00c3\u00bcrde. Die Gefahr aber, dass dieses Fest zu einer sehr oberfl\u00c3\u00a4chlichen und damit im n\u00c3\u00a4chsten Schritt auch verdr\u00c3\u00a4ngenden Geschichtsbetrachtung f\u00c3\u00bchrt, ist nicht gering.<\/p>\n<p>Wir wollen niemandem die Teilnahme an dem Fest ausreden, doch m\u00c3\u00b6chten wir darauf aufmerksam machen, dass Geschichte mehr ist, als SchauspielerInnen in bunten Kost\u00c3\u00bcmen. Gerade wenn sich die Politik mit einem vereinfachten, verk\u00c3\u00bcrzten und falschem Geschichtsbild gemein macht, wollen wir die Aufmerksamkeit auf eine kritische Hinterfragung richten und erinnern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Einwurf von Jannes Tilicke und Micha Heitkamp Es gibt kaum eine M\u00c3\u00b6glichkeit, Geschichte besser zu vermitteln als sie selbst zu erleben. 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