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All the small things – Das große und all die kleinen Räder

Gastblog-Artikel von Veith Lemmen, NRWJuso-Landesvorsitzender

Selten war es für mich so einfach wie heute eines der wichtigen, spannenden, aktuellen – mehr oder weniger politischen – Themen dieses oder der letzten Tage aufzugreifen und darüber zu schreiben.

  • Atomtest Nordkorea – wichtig, politisch und hochdramatisch
  • State of the Union-Rede von Obama, darin verschiedene Themen, unter anderem Freihandelszone mit der EU – wichtig, politisch und spannend
  • Papstrücktritt – spannend, durchaus politisch und mit ungewisser, vermutlich leider nicht so liberaler, Zukunft für die Kirche
  • Karneval – spaßig, überall präsent und gar nicht so unpolitisch
  • Politischer Aschermittwoch – bisweilen politisch, laut polternd und spannend, gerade im Wahljahr und gerade weil Peer Steinbrück und Hannelore Kraft beim WW-Aschermittwoch in Schwerte mit Gastgeber Norbert Römer auftreten.

Und was gäbe es nicht noch alles für wichtige, große, omnipräsente Themen der letzten Wochen? Das große Rad dreht sich unaufhaltsam, überall muss die Welt gerettet werden. Ich habe mich gerade deshalb entschlossen euch kurz eines der vielen kleinen “Räder”, also Themen vorzustellen. Warum? Weil es mir mal wieder gezeigt hat, dass Jusos, Sozialdemokratie und linke Politik auch und gerade im Kleinen passieren müssen. Die einzelnen Menschen dürfen uns – auch wenn das große Ganze uns bisweilen verzweifeln lässt – nicht aus dem Blick geraten, niemals.

Es geht um meinen Nachbarn, über 80 Jahre alt, ein netter Mann. Der stand gestern plötzlich bei mir vor der Tür, während ich im Themen- und E-Mailtunnel gerade emsig meine Arbeit verrichtete. Er klingelte also und ich wurde aufgeschreckt und ging zur Tür. Er hielt mir ein bedrucktes Blatt Papier hin: “Können sie mir helfen, ich habe gar nichts bestellt.” Auf dem Blatt eine Mahnung eines Internetversandhandels, dem er nun angeblich eine beträchtliche Summe schuldig sei. Klarer Versuch der Abzocke. Das nimmt derzeit von Tag zu Tag zu, obwohl es Gesetze und alles gibt, sind staatliche Stellen bisweilen machtlos. Und wer weiß, wie viele Menschen einfach zahlen, weil sie damit nicht klar kommen. Mein Nachbar, mit seinen über 80 Jahren schwer im Internet aktiv, was ich absolut bewundernswert finde, ließ sich zum Glück nicht über das Ohr hauen. Ich habe ihm ein Widerrufsschreiben aufgesetzt, mit dem er dann geantwortet hat. Jetzt warten wir ab, was noch passiert.

Der Punkt ist, dass so viele wichtige Dinge im Kleinen passieren. Den Menschen von nebenan, die konkret Hilfe benötigen, sei es weil sie abgezockt werden sollen, weil sie Armut leiden, weil sie nicht die Bildung erhalten, die sie sich wünschen, oder weil sie einfach einsam sind. Ich habe mich mit meinem Nachbarn und seiner Frau anschließend noch 30 Minuten unterhalten. Beide wissen, dass ich politisch aktiv bin, sind die ersten die mal einen Zeitungsartikel entdecken, wo ich mich äußer oder meine komische Nase zu sehen ist. Sie sprachen mich dann wieder auf die großen Räder an. Wo noch der Unterschied bei den Parteien ist, ob die Krise meiner Meinung nach bedrohlich ist, warum mein Nachbar nach über 40 Jahren in Deutschland als Migrant immer noch nicht wählen darf bei Landes- oder Bundestagswahlen. Warum derzeit so viele Großprojekte scheitern, Ministerinnen zurücktreten, manche Länder kriegerische Gesten von sich geben, die Energiewende so teuer wird und vieles mehr.

Und: Das sie ja bewundern würden, wenn junge Menschen, beispielsweise die Jusos, sich dennoch engagieren würden, wo doch alles mit allem zusammenhängt und man so schwer was ändern kann. Da hatten sie mich kurz, weil was können wir schon ändern an der weltpolitischen Lage? Aber ich bleibe zuversichtlich, wir Jusos werden gebraucht und können viel mehr, viel schneller ändern, als wir es bisweilen vermuten. Wir können Probleme von anderen Menschen wahrnehmen, sie aufgreifen, sie in die Partei tragen, inhaltliche Positionen entwickeln, anderen Menschen konkret helfen und kleine Verbesserungen erreichen. Manchmal können wir dann auch mal am großen Rad in Land oder Bund mit drehen und etwas verbessern. Das ganz große Rad im Hintergrund, wie wir die Gesellschaft verändern und verbessern wollen, darf uns dabei nie aus dem Blick geraten. Es muss sozusagen unser Kompass sein, wenn wir überall in NRW für eine bessere Gesellschaft kämpfen – sei es indem wir kleine oder große Räder drehen.