Blog

Der Sozialismus in „Star Trek“ – oder: warum man manchmal lieber kein rotes Shirt tragen sollte

Aktueller Blogartikel von Thorsten Kuntemeier

Bei uns Trekkies ist heute, am 5. April, einer der mindestens drei hohen Feiertage im Jahr, an denen wir unser „Star Trek“ besonders abfeiern. Denn heute in 43 Jahren wird es laut der „Star Trek“-Mythologie den ersten Kontakt zwischen Menschen und Außerirdischen – genauer gesagt: den spitzohrigen und kühl-logisch denkenden Vulkaniern – geben, was die Geburtsstunde der Vereinigten Föderation der Planeten und der Sternenflotte bedeuten wird, in der die vereinte Menschheit zusammen mit anderen Völkern des Weltraums die Zukunft gestalten wird. Vor diesem historischen Hintergrund bin ich gebeten worden, etwas über die Verbindungen zwischen „Star Trek“ und Sozialismus bzw. Sozialdemokratie zu erzählen und ein paar Hinweise zu geben, was die SPD von „Star Trek“ lernen kann.

Wer also etwas über Utopien lesen möchte, braucht keinen Termin beim Arzt, sondern kann sich mit mir zusammen auf eine Entdeckungsreise in den politischen Kosmos von Kirk, Picard und Co. begeben. Beam uns hoch, Scotty!

Aber was sind eigentlich die klassischen Werte des Sozialismus, mit deren Hilfe wir jetzt die Zukunft laut „Star Trek“ erkunden wollen? Für mich sind es die folgenden Punkte: Freiheit, Gerechtigkeit/Solidarität, Antifaschismus/Antirassismus, Antimilitarismus. Lasst uns mal schauen, wo wir diese Punkte in der von Gene Roddenberry und seinen Autoren erdachten Welt wiederfinden.

Die Erde sieht laut den Erfindern von „Star Trek“ im 23. und 24. Jahrhundert so aus: die einzelnen Nationalregierungen wie die der USA, Deutschlands oder Russlands wurden abgeschafft. Stattdessen gibt es eine demokratisch legitimierte Weltregierung, die die politischen Geschicke der Erde und der mit ihr in der Vereinigten Föderation der Planeten zusammengeschlossenen Sternensysteme lenkt. Man könnte diese Föderation in gewisser Weise mit unser heutigen EU oder den UN vergleichen, wobei es für die Erforschung des Weltraums und die Verteidigung der Föderation als militärischen Arm die Sternenflotte gibt – vergleichbar mit der heutigen NATO.

Die Menschen und auf der Erde lebende Außerirdische leben in ihrem Alltag in quasi paradiesischen Zuständen: niemand muss mehr hungern, weil jedem, der es möchte, sogenannte Replikatoren zur Verfügung gestellt werden. Hierbei handelt es sich um Maschinen, die sprichwörtlich „aus dem Nichts heraus“ Nahrung, Getränke oder Gegenstände des täglichen Bedarfs herstellen können. Auf der Erde gibt es auch keine Kriege und Naturkatastrophen mehr. Und – was uns Sozialisten aufhorchen lässt: Geld ist in der Zukunft bei weitem nicht mehr so wichtig wie heute. Man wird noch Geld brauchen, um z. B. Handel treiben zu können, aber persönlicher Reichtum und Wohlstand ist für die meisten Menschen unwichtig geworden. Stattdessen stehen Neugier und das Streben nach Wissen und persönlicher Verbesserung im Fokus der Menschen – vor allem der Menschen, die für die Sternenflotte arbeiten.

Der Weg in dieses friedliche, solidarische Paradies war – so erklären es die Autoren – durchaus sehr steinig und blutig. In den 2030er und 2040er Jahren prägen Ghettos Nordamerika, in die Arbeitslose und psychisch Kranke ausgelagert werden, um die arbeitende und wohlhabende restliche Bevölkerung „nicht zu belästigen“ und damit man sich um diese Menschen nicht mehr großartig kümmern muss. Die Situation eskaliert und nach einem blutigen Aufstand kommt die Gesellschaft zu der schmerzhaften Erkenntnis, dass „aus den Augen, aus dem Sinn“ keine Lösung ist. Stattdessen beginnt man wieder, sich um diese Menschen zu kümmern.

Einige Jahre nach diesen Ereignissen kommt es auf der Erde zum atomaren Dritten Weltkrieg, der die Menschheit fast ausrottet. Und so hat es durchaus eine gewisse Ironie, dass der erste Weltraum-Flug mit Überlicht-Geschwindigkeit, der zum ersten Kontakt mit den Vulkaniern führt, mit einer ausrangierten Interkontinental-Rakete durchgeführt wird. Die dramatische Erfahrung dieses Weltkrieges führt – wie auch vorher die sozialen Unruhen – die Menschheit zu der Erkenntnis, dass man die Situation für alle Menschen verbessern muss, um ein friedliches Miteinander zu gewährleisten und dass Kriege nur unnötig Ressourcen und Kapazitäten binden, die man besser für andere Zwecke gebrauchen kann – wie z. B. die Erforschung des Weltraumes.

„Star Trek“ hat sich insofern schon immer einerseits als Vision einer utopischen Gesellschaft betrachtet, aber auch andererseits immer wieder den Finger in die Wunde gelegt, wenn es um aktuelle politische und gesellschaftliche Missstände geht. Sei es der Rassismus (siehe unten), das Ende des Kalten Krieges oder was allgemein der Krieg aus moralisch integren Menschen machen kann – jedes dieser Themen wurde in den Serien ernsthaft und gleichzeitig spannend/unterhaltsam diskutiert.

Auch die neueste Serie „Star Trek: Picard“ macht da keine Ausnahme. In der Pilotfolge wird beschrieben, wie das lange Zeit mit den Menschen verfeindete Volk der Romulaner die Föderation um die Hilfe bei der Evakuierung von 900.000.000 Romulanern bittet, denen sonst der Tod durch eine explodierende Sonne droht. Das wäre eine Aufgabe, die mindestens 10 Jahre in Anspruch nimmt und große Mengen an Kapazitäten der Föderation binden würde, die für andere wichtige Projekte eingeplant sind. Captain Picard wird mit der Planung und Durchführung dieser Rettungsaktion beauftragt und dafür sogar zum Admiral befördert. Jahre später – die Rettung ist auf tragischste Weise gescheitert – wird Picard hierzu interviewt und von der kritischen Reporterin regelrecht in die Zange genommen. Dieses Gespräch und die Entgegnung von Picard ist für mich der Inbegriff an Humanität und Solidarität und ein Spiegelbild für unsere momentane Diskussion um die Aufnahme von Geflüchteten:

Picard:  … und der Föderation war klar, dass Millionen von Leben auf dem Spiel standen.

Reporterin: „Romulanische“ Leben

Picard: Nein – Leben!

Gerade im Hinblick auf die Betonung des Antimilitarismus ist für mich eine Serie des „Star Trek“-Kosmos bedeutend, deren Handlungsbogen über mehrere Staffeln von einem interstellaren Krieg zwischen der Föderation und einer feindlichen Großmacht dominiert wird – „Star Trek: Deep Space Nine“. Es klingt vielleicht seltsam, aber gerade dadurch, dass die Serie die Auswirkungen des Krieges auf die Beteiligten relativ offen zeigt, wirkt es sehr entlarvend. So wird z. B. in der Folge „Im fahlen Mondlicht“ beschrieben, wie der Held der Serie, einer der Befehlshaber des Krieges auf Seiten der Föderation, mit sich hadert, weil er lügt, betrügt und einen Mord vertuscht – das alles, um einen Krieg zu beenden, der Milliarden von Leben auf beiden Seiten kostet. Eine andere Folge befasst sich mit den traumatischen Auswirkungen des Krieges auf einen jungen, idealistischen Soldaten, der in der Schlacht sein Bein verliert.

Bei „Gerechtigkeit/Solidarität“ und „Antimilitarismus“ kann man also schon mal einen Haken machen, oder?

Mit dem Thema „Freiheit und Individualität“ hat sich „Star Trek“ auch sehr ausführlich auseinander gesetzt. Folgen aus verschiedenen Serien befassen sich mit der Ausweitung von Grundrechten auf Personenkreise, denen man diese bisher nicht zugestehen wollte – es geht also um zutiefst emanzipatorische Fragen. Dabei steht immer die Frage im Mittelpunkt: was unterscheidet den Menschen von einer künstlichen Lebensform? Hat künstliches Leben auch eine „Seele“?

Seit der ersten Serie aus den 60er Jahren ist der Antifaschismus/Anitrassismus eines der zentralen Themen bei „Star Trek“. Die Crew der ersten „Enterprise“ um Captain Kirk besteht aus weißen Amerikanern und Schotten, aber auch aus einer Afroamerikanerin, einem Japaner und einem Russen. Gerade die Tatsache, dass eine Afroamerikanerin (Lt. Uhura, gespielt von Nichelle Nichols) auf der Brücke nicht nur Getränke serviert oder Berichte abgibt, sondern den gesamten Funkverkehr verantwortet und insofern eine wichtige Rolle einnimmt, hat Frauen in der afroamerikanischen Community wie z. B. Whoopi Goldberg dazu inspiriert, aus ihrem Leben etwas zu machen. Als sie ursprünglich vorzeitig die Serie verlassen wollte, wurde Nichelle Nichols vom amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King förmlich angefleht, ihren Ausstieg zu überdenken, weil sie so ein großes Vorbild war. Jahre, nachdem die Serie abgesetzt wurde, wurde Nichelle Nichols dann von der NASA engagiert, um die Weltraumorganisation bei der Anwerbung und Ausbildung von Angehörigen ethnischer Minderheiten zu beraten.

Aber auch inhaltlich zeigte diese erste Serie, wie sinnlos Rassismus ist. In der Folge „Bele jagt Lokai“ trifft die „Enterprise“ auf zwei Außerirdische, die sich – von Hass zerfressen – bis aufs Blut bekämpfen. Das Merkwürdige dabei ist, dass sie genetisch fast identisch sind und sich äußerlich nur dadurch unterscheiden, dass bei dem einen die linke Körperhälfte schwarz und die andere Hälfte weiß ist – bei dem Kontrahenten ist es genau umgekehrt. Sogar als die „Enterprise“ die beiden Feinde zu ihrem Heimatplaneten bringt, der durch den Konflikt der Beiden und ihrer Anhänger inzwischen komplett zerstört wurde und Bele und Lokai sehen, was sie angerichtet haben, können sie mit ihrem Kampf nicht aufhören und bekämpfen sich in den Ruinen ihres Planeten weiter.

Das Thema „Rassismus“ wird aber nicht nur abstrakt-theoretisch behandelt wie in „Bele jagt Lokai“ angesprochen. Auch rassistische Probleme in der Geschichte der Menschheit werden von „Star Trek“ thematisiert. In der Serie „Deep Space Nine“ wird in der Folge „Jenseits der Sterne“ in einer Art Rückblende erklärt, wie Afroamerikaner in den 1950er Jahren Opfer von Rassismus waren: schwarze Autoren durften zwar unter Umständen arbeiten, aber ihre Fotos wurden nie veröffentlicht, weil damals in den Augen der Öffentlichkeit ein Autor eben „weiß und männlich“ zu sein hatte. Diese Folge zeigt auch, dass es rassistisch motivierte Polizeiwillkür nicht erst seit den 2000er Jahren in den USA gibt.

So, ich glaube, die Checkliste ist soweit abgearbeitet und der Nachweis erbracht, dass „Star Trek“ durchaus starke sozialistische Züge hat.

Was kann aber jetzt z. B. die SPD von „Star Trek“ lernen? Das Wichtigste, davon bin ich überzeugt, ist, dass wir keine Angst vor der Zukunft und vor Visionen haben müssen. Wir haben es selbst in der Hand, frei nach Willy Brandt die Zukunft dadurch vorherzusagen, dass wir sie gestalten – oder wie Jean-Luc Picard in der gleichnamigen „Star Trek“-Serie sagt: „Die Vergangenheit ist geschrieben, aber die Zukunft ist noch nicht in Stein gemeißelt“. Wenn wir unsere Ressourcen nicht mehr durch Kriege gegeneinander verschwenden, können wir eine Zukunft schaffen, in der es allen gut gehen wird. Dazu muss die SPD als Friedenspartei mit Verbindungen zu verschiedenen untereinander zerstrittenen Ländern und Volksgruppen ihren Beitrag leisten. Außerdem muss der Mensch den Spagat schaffen, einerseits lange als gesichert bekannte Haltungen zu überwinden und sich gleichzeitig einen moralisch-ethischen Kompass zu bewahren. Für uns als SPD bedeutet das, dass wir z. B. unser Grundsatzprogramm nicht nur alle paar Jahre rausholen, um es zu überarbeiten. Wir müssen es auch weiterhin als moralischen Kompass begreifen, der unser Denken und Handeln auch in Zeiten des real existierenden Regierungs-Pragmatismus leitet.

Bevor ich gleich zum Ende des Blog-Artikels komme, möchte ich noch einmal etwas erläutern: um diesen Artikel nicht zu sehr ausufern zu lassen, habe ich einige Aspekte bzw. Verweise auf Folgen und Filme wegfallen lassen müssen, die mir in diesem Zusammenhang auch sehr wichtig sind. Damit sie aber nicht komplett in Vergessenheit geraten, findet Ihr gaaaanz am Ende des Artikels eine Liste mit den aus meiner Sicht sehr wichtigen Episoden und Filmen aus „Star Trek“ – aus der Sicht eines Sozis.

Jetzt sind wir mit unserer kleinen Entdeckungsreise schon auf der Zielgeraden und wer bis hierhin noch mitgehalten hat, wird feststellen, dass etwas noch fehlt. Genau: Was hat es mit den roten Shirts aus dem Titel auf sich?

Als Gene Roddenberry „Star Trek“ in den 60er Jahren erfand, wollte er dem Zuschauer nicht nur die Faszination des Weltraums nahe bringen, sondern ihm auch zeigen, dass auch im Weltraum Gefahren auf die Menschen lauern. Im Sinne des TV-Erzählelementes „Show, not tell“ (dt.: nicht erzählen, zeigen) ließ er in vielen Folgen bei Missionen auf fremden Planeten oder im Kampf gegen Eindringlinge auf der „Enterprise“ Besatzungsmitglieder der untersten Dienstgrade sterben. Und diese Crew-Mitglieder der untersten Dienstgrade trugen nun einmal – ausgerechnet – rote Uniformen. Deshalb kann man sich als geneigter Zuschauer der ersten „Star Trek“-Serie in jeder Folge beim Anblick dieser Crew-Mitglieder denken: der Typ hat ein rotes Shirt, der hat es bald hinter sich.

Wenn man also mal wieder mit rotem Shirt am kaum besuchten Info-Stand steht, nicht verzagen: andere Rote erwischt es schlimmer!

In diesem Sinne: live long and prosper!

 

Hier – wie versprochen – die Folgen- und Filmliste:

  • Film „Star Trek VIII: Der erste Kontakt“
  • „Star Trek: Das nächste Jahrhundert“, Folge: Wem gehört Data? (Staffel 2)

und „Star Trek: Raumschiff Voyager“, Folge: Die Veröffentlichung (Staffel 7)

→ Was macht den Menschen aus?

  • „Star Trek: Das nächste Jahrhundert“, Folge: Das Standgericht (Staffel 4)

→ über die Einschränkung von individuellen Rechten

  • „Raumschiff Enterprise“, Folge: Bele jagt Lokai (Staffel 3)

→ über Rassismus/Faschismus

  • Film „Star Trek VI: Das unentdeckte Land“

→ über das Ende des Kalten Krieges

  • „Star Trek: Deep Space Nine“, Folge: Jenseits der Sterne (Staffel 6)

→ über Rassismus in den USA

  • „Star Trek: Deep Space Nine“, Doppelfolge: Gefangen in der Vergangenheit (Staffel 3) → über die sozialen Unruhen der weggesperrten Arbeitslosen und Hilfsbedürftigen
  • „Star Trek: Picard“, Folge: Gedenken (Staffel 1, Folge 1)

→ über Flucht und Hilfe von Geflüchteten

  • „Star Trek: Deep Space Nine“, Folgen: Die Belagerung von AR558 + Leben in der Holosuite (Staffel 7)

→ über die Opfer von Krieg und die Traumatisierung von Kriegsveteranen

  • „Star Trek: Deep Space Nine“, Folge: Im fahlen Mondlicht (Staffel 6)

→ Was ist man bereit, zu tun, um einen Krieg zu beenden? Würde man dafür die eigenen moralischen Grundsätze verraten?

Die älteren Serien sind bei Netflix verfügbar, die Filme und die neuere Serie „Star Trek: Picard“ bei Amazon Prime – oder natürlich alles auch auf DVD oder Bluray zu haben.