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Warum Corona uns nicht gleich macht

Aktueller Blogartikel von Jannes Tilicke 

Die Schutzmaßnahmen vor „SARS-CoV-2“ wie der Coronavirus eigentlich heißt, stellt viele Menschen vor Herausforderungen. Weil grundsätzliche Freiheiten beschnitten werden, sollte die Sondersituation aber auch Sondersituation bleiben. Inzwischen nehmen aber einige die Schutzmaßnahmen als Beispiel dafür, „was plötzlich alles geht“. Die bisherigen Maßnahmen gehen nicht weit genug und andere fordern ähnliche Maßnahmen auch im Kampf gegen den Klimawandel. Manch einer lässt sich sogar zu der Aussage hinreißen, die Krise mache „uns alle gleich“.

Dabei treffen die Corona-Maßnahmen die Menschen besonders hart, die sowieso nicht auf der Sonnenseite des Kapitalismus stehen: Frauen, die mehrheitlich in Supermärkten oder in Pflegeberufen arbeiten, müssen jetzt Extraschichten machen und sind besonders stark gefährdet sich im Arbeitsalltag anzustecken. Arbeiter*innen, die in Industrieproduktionen eventuell mit Kurzarbeit weniger verdienen, aber nicht wie die angestellten Kolleg*innen im Homeoffice bleiben können. Künstler*innen, kleine Selbstständige und angelernte Kräfte, die „auf eigene Rechnung“ arbeiten und jetzt Absagen für Aufträge bekommen. Manche, die auf Minijobs angewiesen sind und jetzt nach Hause geschickt werden, stehen ohne dieses Einkommen da. Menschen in SGB II, die ihre Einkäufe nicht langfristig planen können, jetzt vor leeren Regalen stehen und zu den teuren Ersatzprodukten greifen müssen. Menschen, die auf Tafeln angewiesen sind, stehen jetzt vor vor dem Problem, dass die ehrenamtliche Alltagshilfe geschlossen hat. Menschen mit psychischen Erkrankungen, die jetzt noch stärker vereinsamen. Alte und Kranke, die im Alltag mit einem unterfinanzierten Gesundheitssystem klar kommen müssen, und jetzt Risikogruppe sind oder deren Operation als „nicht lebensnotwendig“ verschoben wird. Menschen mit asiatischem Aussehen, die sowieso schon Rassismus erfahren, der sich jetzt durch Corona aber zusätzlich Bahn bricht. Menschen, die als „Asoziale“ beschimpft werden, weil sie keinen priviligierten Zugang zu Wissen und Maßnahmen haben und deshalb Fehler machen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise werden auch Kommunen treffen und dort für Kürzungen bei den sogenannten „freiwilligen Leistungen“ in Kultur- und Jugendarbeit führen. Und sie treffen Menschen auf der Flucht, die unter schlimmen Bedingungen in Griechenland festsitzen.

Viele Menschen werden als Verlierer aus der Krise hervorgehen. Es profitieren diejenigen, die schon vor der Krise profitiert haben, weil sie privates Kapital in Forschungseinrichtungen oder Unternehmensanteile stecken konnten. Wenn das zufällig jene Forschungen oder Unternehmen sind, die jetzt in der Krisensituation gefragt sind, dann ist das für Investor*innen ein Jackpot. Dabei mag es durchaus sein, dass für manch einen das Aussetzen von Einreisen in die USA „den Privilegierten dieser Welt eine Ahnung davon, wie sich tägliche Stigmatisierung anfühlt“. Aber sie sind es nicht um die wir uns Sorgen machen müssen. Denn auch diese Krise ist – wie jede andere Krise – ein sozialer Kampf in dem mit jeder neuen Maßnahme staatliches Kapital neu verteilt wird. Im Übrigen das Kapital, was seit Jahren durch die „schwarze Null“ auch im Gesundheitssystem durch Privatsierungen und den Abbau von Krankenhaus-, Pflege-und Laborkapazitäten angespart wurde. Deshalb verstehe ich auch nicht den Ruf nach noch mehr und noch autoritäreren Maßnahmen, die insbesondere auf Twitter lauter werden. Es mag ja sein, dass manche ihr Leben auch mit Ausgangssperren organisiert bekommen. Viele können das aber nicht so gut.

Damit man mich nicht falsch versteht: Die aktuellen Maßnahmen sind notwendig. Sie helfen dabei, dass unser Gesundheitssystem nicht kippt. Stichwort: #flatternthecurve. Aber sie sind zum Glück auch zeitlich begrenzt. Die sozialdemokratische Antwort auf eine Krise heißt Solidarität. Solidarität ist auch die richtige Antwort in Zeiten von Schutzmaßnahmen vor Corona. Wenn Menschen jetzt trotz „Social Distance“ anfangen füreinander einzustehen und Verantwortung übernehmen, dann wird die Corona-Krise nicht so schlimm. Gleich macht sie uns allerdings nicht.