Offener Brief vom Juso-Vorsitzenden Jannes Tilicke an die CDU-MdL Kirstin Korte

Sehr geehrte Frau Korte,

die Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“, welche jedes Jahr die Arbeitsbedingungen von Journalistinnen und Journalisten in Deutschland beurteilt, stellt für 2019 „Anfeindungen, Drohungen und Gewalt gegen Journalisten“ insbesondere aus der rechtsextremen Szene fest. Außerdem beklagen sie den Ausschluss von kritischen Kolleginnen und Kollegen durch die AfD auf politischen Veranstaltungen. Bei allem politischen Dissens sollte Demokratinnen und Demokraten der Wert von freier Berichterstattung am Herzen liegen.

Deshalb erwarte ich von Ihnen als Mitglied des Rundfunkrates, dass Sie sich vor die Kunst- und Meinungsfreiheit stellen, wenn Neonazis vor dem WDR demonstrieren oder wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des WDR auf Grund eines Kinderliedes bedroht werden. Gleiches gilt für den Fall Sophie Passmann, die mit ihrem Beitrag ebenso zur Zielschreibe rechter Hetze geworden ist, weil sie den Vorweihnachtsrummel kritisiert hat. Ich bin deshalb über ihren offenen Brief, den Sie dem Intendanten des WDR Tom Buhrow geschrieben haben, entsetzt.

Sie sagen, dass das Video einen Großteil der Bevölkerung beleidigt. Ich kenne keine einzige Oma, die im Hühnerstall Motorrad fährt. Eine Großmutter, die anders ist als alle anderen und deshalb nur bedingt als Vorbild geeignet ist, stellt den Witz im ursprünglichen Kinderlied dar. In der ursprünglichen Version käme auch niemand auf den Gedanken, dass die Kinder tatsächlich glauben, ihre eigene Oma hätte „im Backenzahn ein Radio“ oder eine „Brille mit Gardinen“. Aber ich bin sicher, dass Ihnen das als Grundschullehrerin klar ist. Sie sagen, es sei geschmacklos. Aber wie twitterte Jan Böhmermann zu dem Fall? „Jeder ist für seine Humorlosigkeit selbst verantwortlich.“

Problematisch finde ich hingegen das – wie Sie es nennen – „Schuldeingeständnis“ des WDR-Intendanten. Die Löschung aus der Mediathek gibt denen Recht, die sich ohnehin gegen öffentlich-rechtlichen Rundfunk stellen, weil er ihnen als demokratische Institution ein Dorn im Auge ist. In Zeiten, da rechtsextreme Blogs die politische Debatte mit Falschnachrichten verzerren, ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk besonders wichtig.

Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch ins neue Jahr, verbunden mit dem Wunsch satirische Beiträge von Kunstschaffenden künftig mit mehr Humor zu nehmen und das notwendige Engagement für Meinungsfreiheit einzustehen.

Mit freundlichen Grüßen

Jannes Tilicke
– Vorsitzender Jusos Minden-Lübbecke –

Foto: pixabay.com

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